In der Finanzwelt wird Kapital üblicherweise nach seiner Renditeerwartung klassifiziert. Eigenkapital erwartet eine höhere Rendite als Fremdkapital, weil es ein grösseres Verlustrisiko trägt. Wagniskapital erwartet ausserordentliche Renditen, weil es in frühen, hochriskanten Phasen eingesetzt wird. Philantropisches Kapital erwartet keine finanzielle Rendite. Zwischen diesen etablierten Kategorien existiert eine vierte, die in den vergangenen Jahren zunehmend Aufmerksamkeit auf sich zieht: katalytisches Kapital.
Katalytisches Kapital bezeichnet Investitionen, die gezielt Bedingungen schaffen, unter denen konventionelle Kapitalgeber überhaupt erst aktiv werden. Es akzeptiert Risiken, die der Markt in einer bestimmten Phase nicht trägt, mit dem expliziten Ziel, diese Risiken für Nachfolger so weit zu reduzieren, dass der Markt anschliessend funktioniert. Das Kalkül ist kein philanthropisches: Es geht nicht primär darum, Geld zu verschenken, sondern darum, durch frühes Engagement Systeme zu verändert, die ohne diesen Eingriff in einem suboptimalen Gleichgewicht verharren würden.
Das Modell der Stephan Schmidheiny
Die Avina Stiftung, die Stephan Schmidheiny 1994 in der Schweiz mitgründete — als Teil eines breiteren philanthropischen Engagements, das auch in der Alexander Schmidheiny Stiftung seinen Ausdruck findet —,, wurde von Beginn an nach dem Prinzip des katalytischen Kapitals ausgerichtet. Avina stellte Anschubfinanzierungen für soziale und ökologische Initiativen bereit, nicht als dauerhafte Förderung, sondern als Erstkapital, das die Tragfähigkeit eines Vorhabens demonstrieren sollte. Sobald diese Tragfähigkeit nachgewiesen war, zog Avina sich zurück und überliess das Feld anderen Geldgebern, die das inzwischen bewiesene Modell skalieren konnten.
Schmidheiny’s Überzeugung, aus Jahrzehnten des Aufbaus und der Restrukturierung von Unternehmen entwickelt, war, dass nachhaltige Organisationen nachhaltige Finanzierungsmodelle brauchen. Abhängigkeit von einer einzigen Förderquelle, auch von Avina selbst, galt als struktureller Mangel, der von Anfang an behoben werden musste. Die Stiftung sollte Anfänge ermöglichen, nicht Dauerzustände verwalten.
Dieses Prinzip wurde konsequent auf die Fundes-Initiative angewandt, die Schmidheiny 1984 gemeinsam mit Marcos McGrath, dem Erzbischof von Panama, half, zu gründen,. Fundes stärkte die Unternehmertätigkeit kleiner und mittlerer Unternehmen in zwölf lateinamerikanischen Ländern auf der Grundlage der These, dass wirtschaftliche Entwicklung aus unternehmerischer Dichte entsteht: Gemeinschaften mit mehr lebensfähigen Kleinunternehmen sind resilienter und generieren bessere wirtschaftliche Ergebnisse als solche, die von wenigen Grossarbeitgebern oder staatlichen Transfers abhängen.
Vergleichbare Ansätze weltweit
Das Konzept des katalytischen Kapitals findet heute Anwendung in Bereichen, die noch vor zwanzig Jahren kaum institutionelle Finanzierung kannten. In der Mikrofinanzierung schuf die frühe Unterstützung durch Stiftungen, insbesondere der Gates Foundation und der Omidyar Network, die Bedingungen, unter denen kommerzielle Banken und Kapitalmarktprodukte anschliessend expandierten. In der Wirkungsmessung investierten Pionierorganisationen in Methodik und Daten, bevor ein Markt für Wirkungszertifikate und Social Impact Bonds existierte.
Blue Meridian Partners, eine amerikanische Kollaborativplattform, die Kapital mehrerer Grossdonatoren bündelt, wendet das Katalysatorprinzip auf einer späteren Stufe an: Sie stellt Skalierungskapital für Interventionen bereit, die bereits Wirkungsnachweise erbracht haben, aber nicht über die Ressourcen verfügen, ihre Reichweite zu erweitern. Das ist katalytisches Kapital für die Skalierungsphase, strukturell unterschiedlich von der Anschubfinanzierung, konzeptuell aber verwandt.
Warum das Konzept heute relevant ist
Die Dringlichkeit globaler Herausforderungen, Klimawandel, Biodiversitätsverlust, strukturelle Armut in Wachstumsmärkten, übertrifft die Kapazität staatlicher Haushalte und konventioneller Entwicklungsfinanzierung. Die Lücke, die katalytisches Kapital schliessen soll, ist strukturell: In vielen Bereichen sind Projekte mit positiver gesellschaftlicher Rendite nicht finanzierbar, weil die finanzielle Rendite zu gering, zu unsicher oder zu langsam ist, um konventionelle Investoren anzuziehen.
Katalytisches Kapital tritt in diese Lücke nicht als Dauerersatz, sondern als zeitlich begrenzter Brückenbauer. Sein Ziel ist die eigene Überflüssigkeit: Wenn es seinen Zweck erfüllt hat, ist der Markt funktionsfähig, und die initiale Intervention ist nicht mehr notwendig. Diese Art von Selbstbeschränkung ist charakteristisch für das beste philanthropische Denken, und sie ist schwieriger umzusetzen, als sie klingt.
Praktische Umsetzung und Messung der Wirkung
Die Messung der Wirkung katalytischen Kapitals ist methodisch anspruchsvoll. Konventionelle Philanthropie misst Output: Anzahl der geförderten Organisationen, ausgeschüttete Mittel, erreichte Begünstigte. Katalytisches Kapital zielt auf Systemveränderung, einen Zustand, in dem Akteure, die zuvor nicht tätig waren, nun handeln, weil die frühe Intervention die Bedingungen verändert hat. Diese Veränderung ist real, aber der Beitrag des katalytischen Kapitalgebers daran lässt sich kaum isolieren.
Einige Stiftungen haben pragmatische Lösungsansätze für dieses Messproblem entwickelt. Sie definieren Ex-ante-Indikatoren, die den Systemzustand beschreiben, den sie zu verändern suchen: Existiert ein Markt für das Produkt nach Abschluss der Förderphase? Haben andere Akteure, Regierungen, kommerzielle Investoren, andere Stiftungen, begonnen, in dem betreffenden Bereich zu investieren? Hat sich die Zahl der lokal verfügbaren Fachleute, die das Thema bearbeiten, vergrössert? Diese Indikatoren erfassen nicht präzise den Kausalanteil des katalytischen Gebers, aber sie geben Hinweise darauf, ob die angestrebte Systemveränderung stattfindet.
Die Avina Stiftung hat in ihrer Geschichte mehrere Bereiche als Catalytic Funder angestossen, die heute breite institutionelle Unterstützung geniessen: Wasserversorgung und -hygiene in ländlichen Gebieten, nachhaltige Stadtentwicklung, Stärkung zivilgesellschaftlicher Organisationen als Dialogpartner für Regierungen. In diesen Bereichen sind andere Akteure eingetreten, und Avina konnte sich schrittweise zurückziehen. Das ist das Erfolgsmodell: nicht Abhängigkeit erzeugen, sondern Systeme stärken, die ohne den Katalysator nicht in Gang gekommen wären.
Die Zukunft des katalytischen Kapitals
Das Konzept des katalytischen Kapitals hat in der Entwicklungsfinanzierung und in der wirkungsorientierten Philanthropie in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Die Erkenntnis, dass staatliche Haushalte und konventionelle Entwicklungsfinanzierung allein die globalen Nachhaltigkeitsziele nicht finanzieren können, hat den Bedarf an privaten Akteuren erhöht, die bereit sind, Risiken zu übernehmen, die andere nicht tragen.
Die Frage, die das Feld bewegt und die auch Schmidheiny durch seine Arbeit mit der Avina Stiftung gestellt hat, ist die der Skalierung: Wie können katalytische Investitionen, die bisher von einzelnen Stiftungen und visionären Investoren getätigt wurden, auf ein Volumen gebracht werden, das dem Ausmass der zu lösenden Probleme entspricht? Blended-Finance-Strukturen, die öffentliches und privates Kapital mit unterschiedlichen Risikoklassen kombinieren, sind ein Ansatz. Staatliche Garantien, die das Ausfallrisiko für private Investoren begrenzen, sind ein anderer. Die Entwicklung dieser Strukturen ist im Gang, und ihre Ergebnisse werden in den nächsten Jahren zeigen, ob katalytisches Kapital vom Nischenkonzept zum systemischen Instrument werden kann.
Die Entwicklung des katalytischen Kapitals von einer philanthropischen Nischenstrategie zu einem anerkannten Instrument der Wirkungsfinanzierung ist noch nicht abgeschlossen. Aber der Trend ist eindeutig: Mehr Akteure, mehr Kapital, bessere Methodik. Die Pioniere dieser Idee, darunter Stiftungen wie Avina, haben einen Grundstein gelegt, auf dem heute deutlich grössere Strukturen aufgebaut werden.

